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«Meine Eltern sind Palästinenser. 1948 flohen sie aus Palästina und fanden in Syrien Zuflucht. Ich selbst kam in Yarmouk auf die Welt, dem grössten informellen palästinensischen Flüchtlingslager Syriens. Jahrzehnte später lebe ich erneut als Flüchtling – diesmal im Libanon. Immer wieder stelle ich mir dieselben Fragen, ohne je eine Antwort zu erhalten. Warum nur muss ich immer in die Ferne ziehen, ohne jemals irgendwo anzukommen? Warum muss ich unentwegt nach einer Heimat suchen, ohne sie zu finden? Weshalb muss ich alleine auskommen, während ein wichtiger Teil von mir weit weg ist? Weit weg an einem Ort, den ich nicht kenne. Nie hätte ich gedacht, dass dieser Ort mir meinen Mann und meine Kinder rauben wird.

Die Nacht war dunkel, sie schien endlos. Barfuss verliessen meine vier Kinder, mein Mann und ich Hals über Kopf unser Haus in Syrien. Auf der Suche nach einem sicheren Zufluchtsort überquerten wir das libanesische Gebirge – und verloren uns dabei aus den Augen. Zwei meiner Kinder sind bei mir, wir leben heute in einem Zelt im Bekaa-Tal. Mein Mann und unsere zwei anderen Kinder entschieden sich für die Überfahrt nach Europa, eine Reise, die zu oft tödlich endet. Doch sie hatten Glück und gingen in der Türkei an Land.

Seither habe ich sie nicht mehr gesehen. Aus rechtlichen Gründen darf meine Familie nicht zurückkehren – und ich habe keine Möglichkeit, sie zu besuchen. Unter anderem, weil wir keine Pässe mehr besitzen. Das ist eine grosse Belastung für uns, die dazu beiträgt, dass wir uns nie richtig zuhause fühlen werden.

Vor zwei Jahren hielt ich die Hand meines ältesten Sohnes Saead zum letzten Mal. Zwei lange Jahre liegen hinter mir, von Stress, Überforderung und endlosem Nachdenken geprägt. 

Meine Kinder sind sehr traurig darüber, dass sie von ihren Geschwistern getrennt wurden. Und sie geben mir die Schuld dafür. Wie sollen sie auch wissen, dass es nicht meine Entscheidung war? Wenn sie erwachsen sind, werden sie es hoffentlich verstehen. Sie werden die dunklen Ringe unter meinen Augen deuten, meine Empörung, meine Wut, meine Tränen und meine Schreie einordnen können. Manchmal breche ich vor Verzweiflung vor ihren Augen zusammen. Gut ist das bestimmt nicht, das weiss ich. Aber ich kann nicht anders. Was muss ich nur tun, damit der Schmerz in meiner Brust verstummt? Wie kann jemals vergessen, was uns passiert ist? Und was kommt als Nächstes? Diese Fragen plagen mich Tag für Tag. 

Beim Psychologen war ich bereits. Habe Medikamente genommen und Techniken erlernt, wie ich meine Gefühle besser kontrollieren kann. Doch die Sehnsucht nach meinen Kindern raubt mir den Verstand. Ich möchte ihre sanften Wangen berühren, sie mit Küssen überhäufen und ganz fest an mich drücken. Ich vermisse ihren Geruch, ihr Lächeln. Ich vermisse den Alltag, den wir geteilt haben. Doch ich bin nicht die Einzige, die leidet. Meine Kinder leiden auch. Unser Schmerz äussert sich in Aggressionen, die wir aneinander auslassen. Das kann nicht gesund sein.

Hunderte Familien erleiden das gleiche Schicksal wie wir. Sie wurden wegen der Krise in Syrien getrennt. Ihre Geschichten sind traurig, ihre Enttäuschung und Trauer tief. Ich weiss ja, dass ich nicht allein bin. Ich versuche, mir alles von der Seele zu reden, loszulassen. Und ich kann auch gut andern zuhören, meinen Verwandten und den Nachbarn zum Beispiel, die wie wir in hauchdünnen Zelten leben. Sie erzählen mir häufig von ihren Problemen und ihrem täglichen Überlebenskampf. Manchmal braucht ein Mensch vor allem eines – jemanden, der einfach nur da ist und zuhört. Gott sei Dank.»

Wir lernten Om Saead während einer unserer psychosozialen Sitzungen für syrische Flüchtlingsfrauen in informellen Siedlungen kennen. Die Teilnehmerinnen sassen im Kreis auf dem Boden eines warmen, gemütlichen Zeltes. Jede von ihnen hatte in der vertrauensvollen Runde die Möglichkeit, über Emotionen und Probleme zu sprechen und sich mit den anderen zum Thema Stressbewältigung auszutauschen. Jede von ihnen brachte ihre eigene Geschichte mit. Und das Wichtigste: In geschützten Rahmen konnten die Frauen sich selbst sein, aussprechen, was sie belastet – und erzählen, was sie sich vom Leben wünschen.

Om Saead wird den Traum, ihre Familie wiederzusehen, nicht aufgeben. Und eines Tages wird er Wirklichkeit, sagt sie.

Fatima wird alles daransetzen, die Schule abzuschliessen. Danach möchte sie, wenn möglich, Informatik studieren.


Fatima

Lubna will ihrer kranken Mutter immer beistehen, egal, was passiert. Sie ist davon überzeugt, dass Gott sie und ihre Familie eines Tages belohnen wird – und dass die Zukunft Gutes bringt.

Lubna

Ahlam weiss aus eigener Erfahrung, dass das Leben ein ständiges Auf und Ab ist. Sie hofft, dass es bald wieder bergauf gehen wird, dass sie heimkehren, ihr Haus wiederaufbauen und ihre Kinder zur Schule schicken kann.

Ahlam pendant l’exercice du ballon

Die positive Stimmung, die die intensiven Gespräche und Aktivitäten erzeugen, ist faszinierend. Im Anschluss an die Gruppendiskussion schlägt Medair-Mitarbeiterin Nouhad den Frauen vor, ihre negativen Gefühle und unangenehmen Erinnerungen auf ein Papier zu schreiben, den Zettel in einen Ballon zu stecken und ihren ganzen Stress in den Ballon zu pusten. Dann sollen die Frauen den Ballon platzen lassen – und dabei versuchen, ihre Trauer ein wenig loszulassen.

Auch wenn die Notizen schmerzhaft sind, erinnern sie mich an meine Liebsten, so Om Saead. Sie drückt den Ballon an sich. Möge Gott unsere Familie eines Tages wieder zusammenführen, wiederholt sie immer wieder. Dann knallt es. Der Ballon ist geplatzt.

Om Saead (rechts) hält mit verschlossenen Augen den Ballon, auf den sie die Namen ihrer Kinder geschrieben hat.

Es tut gut, schwere Gefühle zu benennen, sie aufzuschreiben – und auch wieder loszulassen. Wir alle brauchen das. Als ich die Frauen an dem Tag so sah, wurde mir klar, warum Stift und Papier auch für mich immer so wichtig sind. Sie helfen mir, die Welt um mich herum zu begreifen und zu innerer Klarheit und Frieden zu finden.


Die psychosozialen Programme für syrische Flüchtlingsfrauen kann Medair dank der finanziellen Unterstützung durch den Regional Trust Fund der Europäischen Union (MADAD) durchführen.

Die Arbeit von Medair im Libanon wird grosszügig unterstützt durch den Regional Trust Fund der Europäischen Union (MADAD), Global Affairs Canada, den vom UN-Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten verwalteten Libanon-Fonds, die Schweizer Glückskette, das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) sowie grosszügige private Spenderinnen und Spender.

* Namen aus Sicherheitsgründen geändert.