Im Interview spricht Britta Kollberg, Geschäftsführende Vorständin von Medair Deutschland, über die aktuelle Situation in der humanitären Hilfe, welchen Unterschied die christliche Perspektive bietet und warum es absolut sinnvoll ist, notleidenden Menschen im Ausland zu helfen.
Die internationale humanitäre Hilfe steckt in einer tiefen Finanzierungskrise. Gleichzeitig nehmen Konflikte und Naturkatastrophen zu. Wie geht das zusammen, Frau Kollberg?
Britta Kollberg: Wir erleben tatsächlich eine dramatische Finanzierungslücke. Weltweit steigt der Bedarf an humanitärer Hilfe – durch die Folgen des Klimawandels, bewaffnete Konflikte und fragile Staaten. Gleichzeitig kürzen viele Geberländer ihre Budgets oder priorisieren neu. Das ist kein Versagen der humanitären Idee, sondern eine Frage von Prioritäten. Humanitäre Hilfe macht oft weniger als ein Prozent nationaler Haushalte aus – rettet aber Millionen Leben.
Kritiker sagen: Wir haben genug Probleme in Deutschland. Warum sollen wir noch Geld ins Ausland schicken?
Kollberg: Weil menschliches Leid keine Landesgrenzen kennt. Humanitäre Hilfe steht nicht in Konkurrenz zu sozialer Politik hierzulande. Im Gegenteil: Instabile Regionen wirken sich auch auf Europa aus – durch Fluchtbewegungen, Epidemien, wirtschaftliche Unsicherheiten oder geopolitische Spannungen. Hilfe vor Ort ist oft wirksamer und günstiger als spätere Krisenbewältigung. Und aus christlicher Perspektive gilt: Die Würde des Menschen ist universell. Nächstenliebe endet nicht an der eigenen Haustür.
Auch die privaten Spenden gehen zurück. Ist die Solidarität der Deutschen erschöpft?
Kollberg: Ich glaube nicht, dass Solidarität erschöpft ist. Aber viele Menschen fühlen sich überfordert – Inflation, multiple Krisen, ständige Schreckensmeldungen. Vertrauen ist hier die entscheidende Währung. Menschen möchten wissen: Kommt meine Spende an? Macht sie einen Unterschied? Unsere Aufgabe als Organisation ist es, transparent zu zeigen, welche konkrete Wirkung ein Beitrag entfaltet – sei es medizinische Versorgung, sauberes Wasser oder Schutz für Familien in akuten Notsituationen.
Warum engagiert sich Medair weiterhin stark in Ländern wie dem Sudan oder dem Kongo, wo Konflikte seit Jahrzehnten andauern?
Kollberg: Gerade weil diese Krisen so lange dauern, dürfen wir sie nicht vergessen. Im Sudan, im Südsudan oder in der Demokratischen Republik Kongo geht es oft um das nackte Überleben: Zugang zu Nahrung, medizinischer Versorgung, sauberem Wasser, Schutz für Frauen und Kinder. Humanitäre Hilfe ersetzt keine politische Lösung. Aber sie überbrückt die Zeit und hilft Leben retten, bis politische Prozesse greifen. Hoffnung bedeutet für uns, gerade dort zu bleiben, wo andere längst weitergezogen sind.
In die Ukraine ist viel internationale Hilfe geflossen. Warum braucht es hier weiterhin Unterstützung?
Kollberg: Die Situation dauert an, Infrastruktur ist zerstört, Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine vertrieben. Hinter geopolitischen Schlagzeilen stehen Familien, die nicht wissen, wie sie diese Zeiten überstehen sollen. Humanitäre Hilfe bedeutet dort ganz konkret: Winterhilfe durch Reparatur beschädigter Häuser und Heizungen, Unterstützung von Krankenhäusern, psychosoziale Betreuung. Solange Menschen unter den Folgen der Krise leiden, bleibt Hilfe notwendig.
„Nächstenliebe ist für uns kein abstrakter Begriff. Sie zeigt sich in sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung und Schutzräumen für Frauen und Kinder. Unser Glaube verpflichtet uns nicht zu großen Worten, sondern zu konkretem Handeln.“
Wie stellen Sie sicher, dass Hilfsgelder in fragilen Staaten nicht in Korruption versickern?
Kollberg: Humanitäre Hilfe ist heute hochgradig reguliert. Wir arbeiten mit klaren Compliance-Strukturen, externen Audits und strengen Monitoring-Systemen. Unsere Projekte werden regelmäßig überprüft – sowohl von institutionellen Gebern als auch intern. Gleichzeitig setzen wir stark auf lokale Partnerschaften. Nähe schafft Transparenz und Effizienz. Vertrauen entsteht nicht durch Worte, sondern durch überprüfbare Strukturen.
Medair ist eine christlich geprägte Organisation. Was bedeutet das konkret für Ihre Arbeit?
Kollberg: Unser Glaube ist Motivation, nicht Bedingung. Wir helfen unabhängig von Religion, Herkunft oder Weltanschauung – allein nach Bedarf. Was uns prägt, ist das christliche Menschenbild: Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes und hat eine unveräußerliche Würde. Diese Überzeugung trägt unsere Mitarbeitenden – in entlegenen Dörfern im Südsudan ebenso wie in zerstörten Städten der Ukraine. Nächstenliebe ist für uns kein abstrakter Begriff. Sie zeigt sich in sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung und Schutzräumen für Frauen und Kinder. Unser Glaube verpflichtet uns nicht zu großen Worten, sondern zu konkretem Handeln.
Frau Kollberg, was wünschen Sie sich von Politik und Gesellschaft in Deutschland?
Kollberg: Ich wünsche mir den Mut, globale Verantwortung nicht als Belastung, sondern als Ausdruck unserer Werte zu verstehen. Humanitäre Hilfe ist kein Luxus – sie ist ein Bekenntnis zur Menschlichkeit. Gerade jetzt dürfen wir nicht wegsehen.
Hilfe, die ankommt – Erfolgsgeschichten aus unseren Projekten