Spiegel-Bestseller-Autor Tobias Haberl sprach im Medair-Talk mit unserem Kollegen René Schulze in der Stuttgarter Leonhardskirche über Glauben, Orientierung, Nächstenliebe – und den Mut zum Handeln.
Mehr als 300 Menschen besuchten die Ausstellung „Vergessene Welten – die mediale Vergessenheit des Globalen Südens“ in der Stuttgarter Leonhardskirche. Zum Abschluss lud Medair zum Medair-Talk mit Tobias Haberl, Journalist und Autor des Buches Unter Heiden – Warum ich trotzdem Christ bleibe. Was als Gespräch über den christlichen Glauben begann, wurde zu einer grundsätzlichen Frage: Was fehlt unserer Gesellschaft – und was folgt daraus für unseren Umgang mit anderen Menschen und mit dem Leid in der Welt?
Haberl beschreibt in seinem Buch eine Faszination für jene Seiten des Christentums, mit denen sich heute viele schwertun: „Demut, Ehrfurcht, Stille, Rhythmus und Rituale.“
Gerade darin sieht er etwas, das der modernen Gesellschaft zunehmend fehlt. Menschen seien einer kaum endenden Folge von Reizen, Möglichkeiten und Erwartungen ausgesetzt. Besonders die digitale Welt verstärke den Druck, sich selbst darzustellen, wahrgenommen zu werden und sich ständig mit anderen zu vergleichen.
Seine Antwort darauf ist überraschend schlicht: unterbrechen.
„Es gibt ja diese Definition, die kürzeste Definition von Religion: Religion ist Unterbrechen.“
Es gehe darum, den Kreislauf des modernen Lebens immer wieder zu verlassen, still zu werden und Abstand von der eigenen Selbstdarstellung zu gewinnen. „Nicht laut, sondern leise oder still werden“, sagt Haberl. Und: „Nicht groß werden, sondern klein werden.“
Für ihn ist das keine Flucht aus der Welt. Im Gegenteil: Erst wer sich selbst nicht ständig in den Mittelpunkt stellen müsse, könne wieder offen werden für etwas anderes – für Gott, aber auch für andere Menschen.
Dabei bleibt Haberl nicht bei der persönlichen Spiritualität stehen. Er beschreibt eine Gesellschaft, die er als erschöpft, gereizt und zugleich erstaunlich passiv erlebt. Es gebe viel Empörung über kleine Dinge, gleichzeitig aber eine große Verzagtheit gegenüber den wirklich großen Veränderungen.
„Man gefällt sich sehr darin, zu moralisieren, moralisch auf der richtigen Seite zu fühlen, aber wichtig wäre, ins Handeln zu kommen.“
Damit schlägt das Gespräch die Brücke zum Thema der Ausstellung. Denn auch beim Blick auf den Globalen Süden kann Empathie bequem bleiben. Wir sehen Bilder von Krisen, lesen Nachrichten und wissen immer mehr über das Leid anderer Menschen. Aber Wissen allein verändert noch nichts.
„Wir gefallen uns sehr in Empathie und Mitleid.“
Sich mit einem humanitären Thema auseinanderzusetzen, könne sogar ein gutes Gefühl und gesellschaftliches Ansehen vermitteln. Entscheidend sei aber, was danach komme. „Man muss ins Handeln kommen“, sagt Haberl. Und dieses Handeln bedeute auch, bereit zu sein, etwas von sich selbst abzugeben.
Gerade für Christen stellt sich damit eine besondere Frage: Was bedeutet Nächstenliebe in einer globalisierten Welt? Der Nächste ist heute nicht mehr nur der Mensch nebenan. Das Leid eines Menschen im Sudan, im Kongo oder in Afghanistan erreicht uns über Nachrichten, soziale Medien und Bilder unmittelbar. Gleichzeitig kann die räumliche Entfernung dazu führen, dass dieses Leid abstrakt bleibt.
Die Ausstellung „Vergessene Welten“ machte sichtbar, wie unterschiedlich Krisen medial wahrgenommen werden. Manche Konflikte sind dauerhaft präsent, andere verschwinden nahezu vollständig aus der öffentlichen Aufmerksamkeit – obwohl Menschen dort weiterhin unter Krieg, Vertreibung, Hunger oder Naturkatastrophen leiden.
Für Haberl ist deshalb die entscheidende Frage nicht nur, was wir sehen, sondern was wir daraus machen.
Christliche Nächstenliebe bleibt nicht bei einem Gefühl stehen. Sie verlangt die Bereitschaft, sich selbst zurückzunehmen und Verantwortung zu übernehmen. Genau darin sieht Haberl auch eine Verbindung zwischen persönlichem Glauben und gesellschaftlichem Handeln.
Am Ende des Gesprächs ging es deshalb nicht um eine einfache Antwort auf die großen Krisen unserer Zeit. Haberl machte vielmehr Mut, trotz aller Widersprüche nicht in Resignation zu verfallen. Das gilt für den Blick auf die Welt ebenso wie für den persönlichen Glauben. Gerade in einer zunehmend säkularen Gesellschaft brauche es den Mut, zum eigenen Christsein zu stehen – auch dann, wenn es unbequem wird oder man sich damit nicht automatisch auf der gesellschaftlich bequemsten Seite befindet.
Hilfe, die ankommt – Erfolgsgeschichten aus Jordanien