8,5 Millionen Menschen in der Ukraine benötigen Hilfe in den Bereichen Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene (WASH).

In einem abgelegenen Dorf in der Ostukraine, weniger als 40 Kilometer von der Frontlinie entfernt, können die Menschen wieder neue Hoffnung schöpfen. Unser Team in der Ukraine hat den Bewohnern einen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglicht. Bevor Medair vor Ort tätig wurde, kämpften die Familien täglich darum, ihren Bedarf an Trinkwasser, Wasser zum Kochen und für die Hygiene zu decken. Mit Abschluss des Projekts hat sich ihr Leben zum Positiven verändert – dank einer stabilen und sicheren Wasserversorgung.

Wasser war in diesem Dorf seit Ausbruch des Konflikts ein knappes Gut – kontrolliert von einem privaten Bauernhof. Der einzige funktionierende Brunnen gehörte einem Landwirt und speiste alle zwei Tage einen Wasserturm. Doch die landwirtschaftliche Nutzung hatte oft Vorrang, und der Zugang für die Dorfbewohner war begrenzt und unzuverlässig. Im Schnitt standen jeder Person nur etwa 20 Liter Wasser pro Tag zur Verfügung – deutlich weniger als das Minimum für ein menschenwürdiges Leben.

Das Wasser musste abgekocht werden und war durch seinen hohen Salz- und Sulfatgehalt nur schwer trinkbar. „Manchmal war der Druck so gering, dass das Wasser nicht einmal bis zu den Wasserhähnen gelangte“, erklärt Natalia, WASH-Beauftragte bei Medair. Ihr Kollege Anton ergänzt: „Die Menschen mussten sich entscheiden, ob sie sich waschen oder den Garten gießen wollten.“ Besonders hart traf es ältere Menschen und Familien mit kleinen Kindern, die kein Wasser aus entfernteren Quellen holen konnten.

 

Foto: Medair

Dieses Dorf ist kein Einzelfall. Laut dem Humanitären Hilfsplan der Vereinten Nationen für 2025 benötigen 8,5 Millionen Menschen in der Ukraine Hilfe in den Bereichen Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene (WASH). Der anhaltende Konflikt hat den Zugang zu sauberem Wasser im ganzen Land massiv beeinträchtigt – jeder fünfte Haushalt hat derzeit Schwierigkeiten, seinen täglichen Wasserbedarf zu decken.

In vielen Fällen steht diese Notlage in direktem Zusammenhang mit den Kampfhandlungen. In frontnahen Gebieten machen wiederholte Bombardierungen und die anhaltende Unsicherheit die Reparatur beschädigter Infrastruktur nahezu unmöglich. Doch auch weiter entfernte Regionen sind betroffen: Stromausfälle unterbrechen dort die Wasserversorgung oft tagelang. In der Oblast Donezk, wo auch das vorgestellte Dorf liegt, ergab eine aktuelle Untersuchung, dass 60 % der Gemeinden dringend Hilfe benötigen. Viele von ihnen sind auf teures und unzuverlässiges Wasser aus Tanklastwagen angewiesen – eine fragile Lebensgrundlage.

Als Antwort auf diese Krise hat Medair ein umfassendes WASH-Projekt in der Ostukraine gestartet. Der Fokus liegt auf besonders gefährdeten, abgelegenen und unterversorgten Gemeinschaften. Finanziert wird das Projekt von der Europäischen Union und der Schweizer Glückskette. Ziel ist es nicht nur, zerstörte Infrastruktur zu reparieren, sondern gemeinsam mit lokalen Behörden und den Menschen vor Ort nachhaltige Lösungen für die Zukunft zu schaffen.

 

Foto: Medair

Nach einer gründlichen technischen Analyse bestätigte das Medair-Team, was die Dorfgemeinschaft schon lange wusste: Die bestehende Wasserversorgung war weder sicher noch zukunftsfähig. Deshalb setzte sich Medair für eine umfassende Erneuerung des Systems ein – mit folgenden Maßnahmen:

  • Bohrung eines neuen Brunnens auf öffentlichem Grund
  • Installation eines neuen Wasserturms mit einem Fassungsvermögen von 25 m³
  • Anschluss des neuen Systems an das bestehende Wassernetz
  • Sanierung zentraler Absperrventile zur Verbesserung des Wasserdrucks

Die Bauarbeiten begannen Anfang 2025. Trotz logistischer Herausforderungen arbeitete das Team entschlossen daran, die Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Mit der Übergabe der Wasserversorgung in öffentliche Verantwortung und der Modernisierung der Infrastruktur verfolgte Medair ein klares Ziel: die Abhängigkeit der Menschen zu verringern, den gleichberechtigten Zugang zu sauberem Wasser zu sichern – und ihre Würde zu achten und zu schützen.

 

Foto: Medair

Heute können die Bewohnerinnen und Bewohner dieses abgelegenen Dorfes – darunter auch Bohdana* – wieder unbesorgt den Wasserhahn aufdrehen. Zum ersten Mal seit Jahren ist das Wasser zuverlässig verfügbar, leicht zugänglich und sicher zu trinken. „Das neue Wasser schmeckt gut. Es ist ausgezeichnet, wirklich gut“, sagt Bohdana*. „Wir wissen das sehr zu schätzen. Sehen Sie sich den Druck an – was will man mehr?“

Dank des neuen Systems fließt nun täglich Wasser – ohne die Sorge um überhöhte private Gebühren. Die Familien müssen ihr Trinkwasser nicht mehr abkochen, was die tägliche Belastung, insbesondere für pflegende Angehörige, deutlich reduziert hat. Die verbesserte Hygiene in den Haushalten und die zuverlässige Bewässerung der Küchengärten haben die Lebensqualität spürbar erhöht. Diese Gärten sind seit Beginn des Konflikts und der Unterbrechung der Märkte zu einer wichtigen Quelle für frische Lebensmittel geworden.

 

Doch dieses Projekt geht über Infrastruktur hinaus – es geht um Stärkung und Selbstbestimmung. Durch die enge Zusammenarbeit mit der lokalen Wasserbehörde Vodakanal und den Menschen vor Ort trägt Medair dazu bei, langfristige Resilienz aufzubauen. Eine Zukunft, in der Wasser keine tägliche Sorge mehr ist, sondern die Grundlage für Stabilität und Wiederaufbau bildet.

Die Geschichte dieses Dorfes steht exemplarisch für eine viel größere Realität in der Ukraine. In Zeiten der Krise bedeutet der Zugang zu sauberem Wasser nicht nur Überleben – er bedeutet auch, den Alltag wiederherzustellen und die Würde der Menschen zu wahren.

Die Arbeit von Medair in der Ostukraine zeigt, was möglich ist, wenn humanitäre Expertise auf lokale Partnerschaften und ein langfristiges Engagement trifft. In einer Welt voller Unsicherheiten ist eines jetzt klar: Sauberes Wasser ist für diese Gemeinschaft nicht länger unerreichbar.