Am 7. März 2017 brachte Jolita, 26, ihr gesundes Töchterchen Tania zur Welt.
Ich überreiche Jolita einen gefalteten Umschlag und gratuliere der frischgebackenen Mutter.Den Blick gesenkt, nimmt sie ihn zögerlich aber lächelnd entgegen, ist gerührt von meiner Geste. Sie weiss, dass ich den weiten Weg aus der Hauptstadt Antananarivo auf mich genommen habe, um sie in ihrem Dörfchen im Nordosten Madagaskars zu besuchen.

In Madagaskar ist es Brauch, dass junge Eltern von ihren Verwandten und Freunden zur Geburt ihres Kindes Geld geschenkt bekommen – einen symbolischen Beitrag, auch um die Mehrkosten mitzutragen. Da Jolita in einer Schutzunterkunft von Medair entbunden hat, gehört sie für mich quasi zur Familie.

Entzückt schaue ich zu, wie sie ihr Neugeborenes im Arm wiegt. Ich kann es noch immer kaum fassen, dass dieses Bündel vor einiger Zeit in einer Wirbelsturm-Schutzunterkunft seinen ersten Atemzug nahm, umgeben von 200 Menschen, während draussen ein verheerender Sturm wütete.

„Am Vortag war meine Fruchtblase geplatzt“, erzählt mir Jolita mit leiser Stimme. „Zuhause konnten wir nicht bleiben. Dort war es viel zu gefährlich und es wurde bereits offiziell vor Enawo und möglichen Überschwemmungen gewarnt. Ich hatte grosse Angst. Für seine erste Geburt wünscht man sich doch einen sicheren Ort, vor allem, wenn ein Wirbelsturm tobt!“

Einige Jahre zuvor hatte Medair 14 grosse Schutzunterkünfte errichtet, die Familien während Wirbelstürmen Zuflucht bieten sollen. „Wir wussten von diesen Unterkünften. Es würde dort auf jeden Fall trocken sein und sauberes, fliessendes Wasser zur Verfügung stehen – während einer Geburt keine unwichtige Sache“, so Jolita.

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Schutzunterkunft an einem normalen Tag

Den beschwerlichen Aufstieg zur Schutzunterkunft wird Jolita ihr Leben lang nicht vergessen: „Als wir frühmorgens das Haus verliessen, ging schon ein heftiger Wind, der Regen prasselte auf uns nieder. Der Boden war schlammig und sehr rutschig, das Wasser stand schon ziemlich hoch. Unter diesen Umständen fiel mir das Laufen sehr schwer. Noch mühsamer wurde es, wenn mich Wehen überkamen.“

Als Jolita ihr Ziel erreichte, fand sie einen Raum voller Menschen vor. Sie spürte, dass die Geburt kurz bevorstand. Jolita erinnert sich: „Die Unterkunft war zum Bersten voll und ich schämte mich, vor den Augen so vieler Leute mein Kind gebären zu müssen. Doch sie waren alle sehr nett zu mir. Ich hatte Glück: Unter den Schutzsuchenden war sogar eine Hebamme.“

Schutzunterkunft kurz nach Zyklon Enawo

Bis das Hochwasser abgesunken war, vergingen vier Tage – genug Zeit für die junge Mutter, um Kraft für die Heimreise zu sammeln. Am vierten Tag kamen Medair-Mitarbeitende vorbei. Sie gaben Jolita ein Nothilfeset mit Eimern, Schüsseln, Seifenstücken und einer Wasserreinigungslösung. „Ich konnte die Sachen sehr gut gebrauchen. Denn unser Haus war – wie fast alle anderen Häuser auch – komplett überflutet worden. Die Küche hatte es besonders hart getroffen“, berichtet Jolita.

Baby Tania

Weshalb sie ihr Baby nicht Enawa getauft hat, möchte ich später von ihr wissen. Jolita lacht laut auf und erklärt mir, sie hätten sich schon Wochen zuvor für den Namen Tania entschieden. Liebevoll drückt sie ihr Mädchen an sich. Ich bin beruhigt: Die kleine Tania, deren Leben in der Schutzunterkunft so stürmisch begann, wird nun ruhigere Tage erleben – sicher und geborgen in den liebenden Armen ihrer Mutter.

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Die Arbeit von Medair in Madagaskar wird grosszügig unterstützt von der Europäischen Union, der Schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), der Stiftung Glückskette, dem Zoo Zürich, der Agence de l’eau Rhône Méditerranée Corse (FR), dem Kanton Aargau sowie privaten Spenderinnen und Spendern.

Die Inhalte dieses Artikels stammen von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten sowie am internationalen Hauptsitz. Die geäusserten Meinungen entsprechen ausschliesslich jenen von Medair und damit nicht unbedingt dem offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen.