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„Hallo Jonathan. Wir entsenden morgen ein Einsatzteam auf die Philippinen. Kannst du mit?“

Es ist später Freitagnachmittag. Der Anruf kommt von einem meiner Kollegen am Medair-Hauptsitz in der Schweiz. Ein verheerender Supertaifun wird in Kürze auf der nördlichen philippinischen Insel Luzon auf Land treffen. Das internationale Nothilfeteam von Medair hat beschlossen, umgehend auf die Katastrophe zu reagieren.

Seit mehr als drei Jahren bin ich Mitglied im Nothilfeteam von Medair. Dies ist nicht mein erster Anruf dieser Art. Auch wie es jetzt weitergeht, ist mir bestens bekannt. Als erstes muss ich auf direktem Weg ins Büro, ein Teammeeting steht an. Dort werden wir Nothilfesets vorbereiten, die neusten Briefings lesen und einen kurzen Film drehen, um unsere Spenderinnen und Spender über den bevorstehenden Einsatz zu informieren. Wir werden zudem die logistischen Eckdaten der Intervention besprechen: Wie erreichen wir das Krisengebiet, wen kontaktieren wir vor Ort und wie identifizieren wir die bedürftigsten Menschen? Danach schleunigst nach Hause, um noch schnell die wichtigsten Dinge zu packen und den Zug in Richtung Flughafen zu erwischen. Und dann schliesslich auf dem Flughafen vor dem Boarding noch Freunde und Verwandte anrufen.


16 Stunden später steige ich auf den Philippinen aus dem Flugzeug. Es folgt eine lange Autofahrt in den Norden, da der eigentliche Zielflughafen im Norden des Landes beschädigt ist und nicht angeflogen werden kann. Dann endlich erreiche ich unseren Einsatzort.

Da wird mir erst richtig bewusst, was hier gerade passiert ist. Die Auswirkungen einer Naturkatastrophe mit eigenen Augen zu sehen, daran gewöhnt man sich nie. Supertaifun Manghut ist der stärkste Zyklon auf den Philippinen seit Haiyan 2013. Und er hat eine riesige Spur der Verwüstung hinterlassen: Häuser, Ernten und Fischerboote wurden zerstört. Unzählige Familien haben ihr Zuhause verloren, manche sogar ihr Leben. Nichts ist mehr wie es war. Als Mitglied des Nothilfeteams habe ich schon viel gesehen. Aber auf den Moment, wenn man den Menschen von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, deren Häuser in Trümmer liegen und die keinerlei Möglichkeit mehr haben, ihre Kinder zu ernähren , auf den Moment wird man sich nie wirklich vorbereiten können.

Als erstes macht sich eine unglaubliche Trauer in einem breit. Aber dann rührt sich etwas in dir: „Genau deshalb bin ich hier. Diese Menschen sind der Grund, warum ich diese Arbeit mache“. Diese Motivation treibt einen an, das immense Leid so schnell und effizient wie möglich lindern zu helfen.

Also krempelt man die Ärmel hoch – und legt los.

Eine Bedarfsanalyse gibt Aufschluss über die dringendsten Bedürfnisse der betroffenen Familien: Ganz besonders werden Schutzunterkünfte und Reis benötigt. Als Logistiker ist es meine Aufgabe, entsprechende Hilfsgüter zu beschaffen, Nothilfesets zusammenzustellen und den Transport zu organisieren – letzteres ist zweifelsohne die grösste Herausforderung. Schliesslich ist es unser Ziel, extrem abgelegene Gemeinschaften zu erreichen, welche niemand anderes mit Hilfe versorgt und zu welchen keinerlei Strassen führen – einige Gemeinschaften sind wirklich nur per Helikopter oder Boot erreichbar.

Unser gut eingespieltes Team arbeitet wochenlang eng mit den lokalen Gemeinschaften zusammen – der Einsatz zahlt sich aus: In dieser Zeit konnten wir mehr als 3000 Menschen in schwer erreichbaren Küstengebieten mit Werkzeugen, Reissäcken und Bausätzen für Unterkünfte versorgen. Auch gelang es uns, drei Schulen zu reparieren, die der Bevölkerung während Wirbelstürmen als Schutzunterkünfte dienen und die durch den Taifun schwer in Mitleidenschaft gezogen worden waren.


Was mich beeindruckte, war die Ruhe und Festigkeit der Menschen, die so viel über sich hatten ergehen lassen müssen. Das waren keine Opfer. Das waren Menschen, welche die Katastrophe überstanden hatten und umso entschlossener waren, weiterzukämpfen. Schon bald werden sie hoffentlich wieder in der Lage sein, ihr Leben weiterzuleben.
Nach Katastrophen braucht es – wie in jeder schwierigen Situation – vor allem eins: eine helfende Hand.


Ich wurde an die einfache Wahrheit erinnert: Niemand darf vergessen werden. Ganz bewusst hatten wir die entlegensten Gemeinschaften ausgewählt, die noch keine Unterstützung erhalten hatten. Wir wussten, dass diesen Gemeinschaften in den kommenden Wochen oder Monaten niemand zu Hilfe kommen würde. Wir konnten ihr Leben zwar nicht von Grund auf verändern. Aber wir gaben ihnen, was sie in der Krise dringend benötigten. Und das bedeutete ihnen viel.

Nie werde ich die junge Frau vergessen, die uns im abgelegenen Bergdorf Camunayan in der Provinz Baggao ungläubig empfing: „Wie habt ihr uns nur gefunden?“, fragte sie mich. Medair ist die einzige Organisation, die ihnen Hilfe brachte – und ich bin so froh, dass wir es getan haben.


Photos: © MAF/LuAnne Cadd