Indem wir durch Masernimpfungen helfen, die Ausbreitung dieser lebensbedrohlichen Krankheit zu stoppen, nehmen wir Müttern wie Lakchia und Nyadit einen Grund zur Besorgnis. Auch wenn das nicht alle Nöte beseitigt: Wir helfen, wo es uns möglich ist. Ein Bericht aus dem Verwaltungsgebiet Pibor.

„Vergangenes Jahr ist mein Mann gestorben. Er wurde bei den Kämpfen getötet“, berichtet Lakchia, eine 30-jährige Mutter von sechs Kindern, die den einjährigen Allan in den Armen hält. Doch sollte das nicht die einzige Last bleiben. An diesem Tag wurde auch ihr Vieh gestohlen — die einzige Einkommensquelle ihrer Familie.

Dann kam die Überschwemmung. Zusammen mit ihren Nachbarn und sechs Kindern floh Lakchia auf trockeneres Gebiet. „Ich habe mein gesamtes Hab und Gut zurückgelassen und als ich zurückkam, war alles weg“, sagt sie. Jetzt sammelt sie Brennholz, um es zu verkaufen und damit ihre Familie über Wasser zu halten.

„An manchen Tagen haben wir etwas zu essen – wenn ich Brennholz sammeln konnte. Wenn ich kein Brennholz finde, essen wir eben nicht. Wir essen nur einmal am Tag. Wir haben Hunger.“

Nyandit steht mit ihrem Baby Akudo an einer Masernimpfstation von Medair.

Nyandit und ihre vierköpfige Familie leben in einer nahegelegenen Ortschaft, die nur mit dem Boot zu erreichen ist. Auch sie hat ihr Vieh verloren, als bewaffnete Männer ihre Stadt überfielen. „Nicht lange nach dem Angriff kam die Überschwemmung“, erzählt Nyandit. „Davor haben wir den Boden umgegraben, um ihn für die Ernte vorzubereiten. Doch dann kam das Wasser. Und unser Vieh wurde gestohlen. Jetzt haben wir Hunger.“

Eine Reihe von Überschwemmungen und gewaltsame Konflikte zwischen verschiedenen Kommunen hat den Bundesstaat Jonglei und das Verwaltungsgebiet Greater Pibor im Südsudan seit 2019 stark beeinträchtigt. Eigentum und Existenzen sind zerstört. Es gab Hunderte von Todesopfern und Massenvertreibungen.

Die Impfdosen werden über unwegsames Gelände zum Einsatzort transportiert.

Anfang August 2020 begannen die Wasserstände zu steigen, und die gewaltsamen Konflikte nahmen ab. Nicht lange danach wurde die Region erneut von schweren Überschwemmungen heimgesucht, von denen über 520.000 Menschen betroffen waren. Einige Gebiete waren ganz von der Außenwelt abgeschnitten, während andere Regionen nur per Boot oder durch knietiefes Wasser watend erreichbar waren. Die Menschen leben unter miserablen, beengten Bedingungen auf kleinen Inseln trockenem Land – wenn es aber regnet, werden auch diese immer wieder überschwemmt.

So haben die Menschen in Pibor County kaum Zeit, sich von einer Katastrophe zu erholen, bevor die nächste hereinbricht. In diesem November war es ein Masernausbruch, der die bereits gefährdeten Familien in der Region bedrohte. Bis Mitte November waren 300 Masernverdachtsfälle gemeldet worden.

So startete Medair eine Massenimpfkampagne für über 18.000 Kinder unter fünf Jahren. Die hoch ansteckende Infektionskrankheit verbreitet sich unter 90 Prozent der Menschen, die mit einer infizierten Person zusammenleben sofern sie nicht geimpft sind oder die Krankheit bereits hinter sich haben. Bei Menschen, die in beengten Verhältnissen leben, sind Masern erst recht eine ernstzunehmende Gesundheitsbedrohung. Hinzu kommt: Aufgrund der hohen Unterernährungsraten sind die Kinder im Südsudan anfälliger für derartige Erkrankungen. Potenzielle Komplikationen durch Masern werden dann schnell lebensbedrohlich.

In der Situation war unser schnelles Handeln unverzichtbar: Im Novmber sorgte das Wasser für eine Art natürlichen Lockdown. Sobald es aus den überschwemmten Regionen abfließt werden die Menschen jedoch wieder öfter miteinander in Kontakt treten. Die Ansteckungsgefahr steigt sprunghaft an. Daher ist die Impfkampagne entscheidend für den Schutz gefährdeter Kinder und dafür, die Ausbreitung dieser potenziell tödlichen Krankheit zu stoppen.

Und so sehen sich Familien wie die von Lakchia und Nyadit mit einer weiteren Krise konfrontiert. Ihre Geschichten sind keineswegs außergewöhnlich. Sie zeigen einen lediglich kleinen Ausschnitt gemeinsamer Erfahrungen: Vertreibung, Überschwemmungen, interkommunale Gewalt, verlorene Existenzen und Ernährungsunsicherheit. Eine Krise beginnt noch während eine andere abklingt, und jede Krise hinterlässt bleibende Auswirkungen innerhalb der Gemeinschaft.

Wir von Medair können nicht alle Herausforderungen, mit denen die Menschen in Pibor konfrontiert sind, verhindern. Doch wir können helfen, die Ausbreitung der Masern zu stoppen. Durch das Impfen von 18.000 Kindern verhindern wir, dass sie an Masern erkranken. Und Mütter wie Lakchia und Nyadit haben einen Grund weniger zur Besorgnis.


Das Nothilfeeinsatzteam von Medair im Südsudan wird vom Europäischen Amt für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz (ECHO), der britischen Regierung und von großzügigen privaten Spendern unterstützt. 

Die Inhalte dieses Artikels stammen von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten sowie am internationalen Hauptsitz. Die Meinungen entsprechen ausschließlich den Ansichten von Medair und damit nicht unbedingt auch dem offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen.