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Um sieben Uhr in der Frühe steht die Sonne über Dhobi bereits hoch am Himmel und im kleinen Dorf herrscht ein reges Treiben. Meine Team-Kollegen und ich sind auf dem Weg zu einer Familie, die einige Kilometer ausserhalb wohnt. Eine schmale Strasse schlängelt sich zwischen den Hügeln hinauf zu ihrer Hütte. Da es diese Woche noch nicht geregnet hat, ist der Feldweg in gutem Zustand und wir erreichen ohne ungewünschte Zwischenfälle unser Ziel.

Das letzte Stück gehen wir zu Fuss. Der Feldweg führt zu zwei Häusern, die unmittelbar nebeneinanderstehen. Das eine Haus ist neu und in fröhlichen Farben gestrichen. Das Haus daneben sieht schwer beschädigt aus. Auf der Veranda sitzt ein Mädchen, es muss ungefähr zehn Jahre alt sein. Es schaut zu, wie seine Mutter die Wäsche aufhängt. Als die beiden uns erblicken, lassen sie alles stehen und liegen, um uns zu begrüssen. Gastfreundschaft geniesst in Nepal einen hohen Stellenwert. Schnell holt die Frau vier Stühle und bittet uns, Platz zu nehmen. Währenddessen hat ihre Tochter Tee gekocht: Vier dampfende Tassen vor sich hertragend, kommt sie langsam auf uns zu. Mithilfe eines Dolmetschers wechseln wir erste Worte. Unser Gespräch, das herzlich, aber etwas zaghaft beginnt, wird von Minute zu Minute lebhafter.

Alleine mit sechs Töchtern

Mutter Lok Kumari ist eine starke Frau. Sie hat schon vieles durchgemacht: «Vor sieben Jahren starb mein Mann. Ein Jahr später verlor ich noch eins meiner Kind, das an einem schweren Geburtsfehler gelitten hatte», vertraut sie uns an. Seither ist sie alleine für ihre Töchter verantwortlich. «Ganz alleine für sechs Mädchen zu sorgen, ist eine enorme Herausforderung», sagt sie, während sie ihrer kleinen Rasmita liebevoll durch die Haare streicht. Lok erklärt, dass es in Nepal zur Tradition gehört, bei der Hochzeit eines Mädchens für eine Mitgift zu sorgen. Doch das «Brautgeld» für ihre Töchter ist nicht das Einzige, was Lok über die Jahre zu schaffen machte. Am 25. April 2015 wurde das Haus der Familie von einem heftigen Erdbeben getroffen und schwer beschädigt.

Zwar steht das Haus noch, doch tiefe Risse ziehen sich durch die Wände und Aussenmauern. «Zwei Jahre lang harrten wir im Viehstall aus», erinnert sich Lok. Sie zeigt mir den kleinen Schuppen, der keine richtigen Wände hat und lediglich mit Zweigen überdacht ist. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was es bedeuten muss, mehr als zwei Jahre unter diesen Bedingungen zu leben. Doch Lok hat den Mut nie aufgegeben. Mit Unterstützung von Medair und einer lokalen Partnerorganisation gelang es ihr, beim Staat Finanzhilfe für den Wiederaufbau ihres Hauses zu beantragen. Der administrative Aufwand war kompliziert und langwierig – und das war erst der Anfang: «Das Baumaterial musste von der Strasse hierher transportiert werden. Dafür benötigten wir Hilfe. Ausserdem mussten wir uns beim gesamten Wiederaufbau streng an die Vorgaben der Regierung halten.»

Das neue Haus ist «Rambro»!

Nach dem Erdbeben, das Nepal 2015 heimsuchte, sicherte die nepalesische Regierung jedem zu Schaden gekommenen Haushalt einen Betrag von rund 3000 Franken zu. Die Bedingung: Der Wiederaufbau musste gemäss den Richtlinien der Regierung für erdbebensicheres Bauen erfolgen. Während des gesamten Wiederaufbauprozesses haben unsere Ingenieure und unser lokaler Partner CDS Lok intensiv begleitet: «Medair betreute die einheimischen Maurer bei der Arbeit, um sicherzustellen, dass das Haus mit erdbebensicheren Baumethoden errichtet wurde. Auch bei der Antragstellung war mir Medair eine grosse Hilfe. Ich kann leider weder lesen noch schreiben», erzählt Lok.

Ich frage die neunjährige Rasmita, ob ihr das neue Zuhause gefällt. «Na klar», antwortet sie wie aus der Pistole geschossen. «Es ist Rambro!». Auf Nepalesisch bedeutet «Rambro» so viel wie wunderschön, farbig – einfach genau richtig.

«Ab und zu gehe ich noch in unser altes Haus, um dort das Essen vorzubereiten», gesteht Lok. «Doch dann schimpft Rasmita mit mir. Geh nicht in das alte Haus, sagt sie dann. Das ist viel zu gefährlich!»

Fast zwei Stunden sind seit unserer Ankunft vergangen. Wir haben einen weiteren Termin in Dhobi und so beschliesse ich widerwillig, mich von der Familie zu verabschieden. Aber in den folgenden Tagen wandern meine Gedanken noch oft zu der alleinstehenden Frau und ihren sechs Töchtern. Deshalb beschliesse ich, sie erneut zu besuchen. Doch ich zögere: Werden sie noch einmal bereit sein, sich auf mich und meine vielen Fragen einzulassen? Als Rasmita mir freudestrahlend entgegenrennt, verfliegen meine Zweifel schnell. Sie faltet die Hände und begrüsst mich mit dem traditionellen «Namaste». Dann ruft sie ihrer Mutter zu: «Mama, sie sind zurück! Kannst du ihnen bitte Tee kochen?»

«
Wenn meine Kinder glücklich sind, bin ich es auch»

Mit einer warmen Tasse Chai machen wir dort weiter, wo wir Tage zuvor stehengeblieben sind. Die Stimmung ist noch herzlicher als bei unserem ersten Besuch. Lok zieht uns ins Vertrauen: «Ich wünsche mir sehr, dass ich meine Töchter zu guten Menschen erziehen kann. Es wäre schön, wenn sie später einmal einer sinnvollen Arbeit nachgehen und den Schwächsten helfen würden – so wie ihr es tut. Am wichtigsten ist mir jedoch, dass sie die Freiheit haben, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Dass sie unabhängig sind. Ich bin froh, dass sie die Schule besuchen können. Dieses Glück hatte ich leider nicht. Ich bin Analphabetin. Amtliche Dokumente unterzeichne ich mit meinem Fingerabdruck. In solchen Momenten schäme ich mich zutiefst. Ich möchte nicht, dass meinen Töchtern das Gleiche widerfährt. Es geht mir wie allen Müttern auf dieser Welt: Wenn meine Kinder glücklich sind, bin ich es auch.»

«Alles kommt gut»

Gegen neun Uhr kommen zwei von Loks Töchtern nach Hause, auf den Schultern tragen sie Behälter voller Gras für die Tiere. Lächelnd beobachte ich diese schönen Alltagsszenen: Die drei Mädchen waschen sich mit Wasser aus einem Eimer und setzen sich anschliessend in die Küche. Zwischen zwei Bissen schlüpfen sie in ihre Schuluniformen. Wohl ein Morgen wie jeder andere, der mich, auch wenn wir uns in 4000 Metern Höhe in den Bergen Nepals befinden, stark an meine eigene Kindheit erinnert. Die Kinder drücken ihrer Mutter einen flüchtigen Kuss auf die Wange und machen sich auf den Weg in die Schule. Lok und ich bleiben alleine in der Küche zurück. Ich sage ihr, dass ich sie sehr bewundere und frage sie, wie sie es nur geschafft hat, die vielen Widrigkeiten in ihrem Leben so gut zu meistern. Gelassen antwortet sie: «Ich glaube an Gott. Durch Seine Kraft und Seine Güte war es mir möglich, so viele Hindernisse zu überwinden. Ich lebe im Hier und Jetzt – und blicke gleichzeitig voller Hoffnung in die Zukunft. Alles kommt gut, davon bin ich überzeugt». Wir nehmen Abschied. Mir ist bewusst, dass ich Lok wohl nie wiedersehen werde. Aber ihre Worte und ihre Gesten werden mir immer in Erinnerung bleiben.