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Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, ein Medair-Projekt in Somalia zu besuchen. Ich reiste zum ersten Mal in dieses Land am Horn von Afrika, das so sehr mit Konflikten und Dürren zu kämpfen hat. In den zehn Jahren, die ich für Medair arbeite, waren mir schon einige erschütternde Berichte aus diesem Land zu Ohren gekommen. Geschichten über Gewalt, über die verheerende humanitäre Situation und die prekäre Sicherheitslage. Während meiner Reise konnte ich mit vielen Einheimischen sprechen und sah leider wirklich viel Not und Schwierigkeiten – und doch inspirierte mich dieser Besuch sehr.

Dürren sind in Somalia ein anhaltendes Problem und der fast 25-jährige Konflikt hat rund 2,6 Millionen Somalierinnen und Somalier in die Flucht getrieben. Viele von ihnen harren als Binnenvertriebene in informellen Siedlungen aus. Ernährungsunsicherheit und Mangelernährung prägen ihren Alltag: Unzählige Familien verbringen ihre Tage mühevoll damit, Essen und sauberes Trinkwasser zu beschaffen.

Und doch: In den Gesprächen, die ich mit Einheimischen führen durfte, begegneten mir unglaublich starke und widerstandsfähige Menschen, die den Widrigkeiten ihres Lebens mit unerschütterlicher Ausdauer trotzen. Ich traf Menschen, die Optimismus und Zukunftshoffnung ausstrahlen. Menschen, die jeden Tag ihr Leben aufs Spiel setzen, um anderen zu helfen. Der Austausch mit ihnen war für mich äusserst lehrreich und inspirierend.

Es ist die Art der Somalier, mit dem Leben umzugehen, die mich berührt und inspiriert. Mehr als je zuvor bin ich davon überzeugt, dass die humanitäre Hilfe viel mehr umfasst, als das reine Bereitstellen von Hilfsgütern und Dienstleistungen. Es gibt Stimmen, die behaupten, jegliche humanitären Bemühungen in Ländern wie Somalia seien umsonst. Man würde das Problem nur aufschieben, anstatt es zu lösen. Damit bin ich nicht einverstanden. Denn die Hilfe, die wir den Menschen bringen, umfasst so viel mehr: Es geht um den Wiederaufbau gesamter Existenzen und darum, die Würde von Menschen in herausfordernden Situationen zu bewahren. Es geht darum, Betroffenen neue Hoffnung für eine bessere Zukunft zu schenken. Und darum, Hand in Hand mit ihnen daran zu arbeiten, ein neues Leben aufzubauen.

Genau dafür setzen sich unsere Teams in Somalia ein. Sie geben wirklich alles. Ich habe verschiedene Spitäler besucht, in denen lokale Partnerorganisationen lebensrettende medizinische Behandlungen durchführen – insbesondere für Mütter und Kleinkinder. Am Tag meines Besuchs wurden zwei Babys unter professioneller Begleitung unserer gut geschulten Hebammen gesund auf die Welt gebracht. Die Frauen brennen für ihre Arbeit. Ihre Energie war ansteckend.

©Medair/Kate Holt

Während Krisen benötigen Betroffene konkrete Hilfe. Das können Baumaterialien für Unterkünfte, Gesundheits- oder Ernährungsleistungen sein. Wenn jedoch die gesamte Hilfe von Ausländern geleistet wird, ohne Zusammenarbeit mit den Gemeinschaften, wird auf lange Sicht wenig Gutes erreicht: Das Problem wird in der Tat nur aufgeschoben, nicht gelöst, die Gemeinschaften werden nicht besser auf die nächste Krise vorbereitet sein. Das wichtige Stichwort lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. Diese Hilfe zur Selbsthilfe realisieren wir durch einen gemeinschaftsbasierten Ansatz. Hilfeempfängerinnen und Hilfeempfänger übernehmen bei allen Medair-Projekten eine aktive Rolle. Indem sie in die Projekte eingebunden werden, eignen sie sich essenzielles Know-how an, welches von uns aktiv durch Schulungen und Trainings gefördert wird. Mit dem neu gewonnenen Know-how sind die Betroffenen dann in der Lage – auch wenn wir als Organisation nach Projektende das Land verlassen – unabhängig und selbstbestimmt eine bessere Zukunft zu beginnen.

Ein Beispiel dafür? In Somalia sind von Medair geschulte Selbsthilfegruppen ein voller Erfolg. Eine solche Selbsthilfegruppe umfasst zehn bis fünfzehn Mütter, die sich in regelmässigen Abständen treffen und von Medair Schulungen erhalten. Das Gelernte, z.B. gesundheitsfördernde Verhaltensänderungen, vermitteln sie dann in ihren Dörfern. Sie besuchen ehrenamtlich benachbarte Familien, um sie etwa über gutes Hygieneverhalten und ausgewogene Ernährung zu informieren. In Somalia sind rund 1154 Frauen innerhalb ihrer Gemeinschaften im Einsatz. Rund 17 000 Familien werden auf diese Weise mit lebensrettenden Gesundheitsbotschaften erreicht.

Das Modell ist simpel, aber höchst effizient. Es verringert Krankheitsraten – und rettet Menschenleben. Die freiwilligen Helferinnen bringen anderen Müttern in ihren Dörfern bei, wie sie erste Anzeichen von Atemwegsinfektionen und Malaria erkennen, wie man Moskitonetze zur Malariaprophylaxe einsetzt und wie Cholera durch ein gutes Hygieneverhalten vermieden werden kann. Auch weisen sie darauf hin, wie wichtig es ist, Kinder zu impfen und Babys in den ersten sechs Monaten ausschliesslich zu stillen.

Unsere Mitarbeitenden, die die Müttergruppen leiten, sowie die freiwilligen Helferinnen sind voller Leidenschaft dabei. Das durfte ich bei meinem Besuch aus nächster Nähe erleben. Medair ist eine der ersten Organisationen, die dieses Müttergruppen-Modell in humanitären Krisen einsetzt. Ein solches System in komplexen, unsicheren Regionen wie Somalia zu implementieren, ist alles andere als einfach. Doch die Mühe lohnt sich. Rückt man Mütter ins Zentrum der Hilfe, passiert etwas Wunderbares: Die Frauen werden zu wichtigen Akteurinnen des Wandels in ihren Gemeinschaften. Sie sind nicht länger nur passive Hilfsempfängerinnen, sie selber sind die Hilfe.

Als humanitäre Organisation können wir die Ursachen für Konflikte und Naturkatastrophen an Orten wie Somalia nicht lösen. Wir können jedoch gemeinsam mit den Gemeinschaften, denen wir helfen, dazu beitragen, einen nachhaltigen Wandel herbeizuführen und lokale Kapazitäten für die Zukunft entwickeln. Das Wichtigste, was ich auf meiner Somalia-Reise gelernt habe, ist: Der Weg zu effektiver humanitärer Unterstützung beginnt in den Gemeinschaften und liegt in der Hilfe zur Selbsthilfe.

Wie ein roter Faden zieht sich dieser Mensch-zu-Mensch-Ansatz durch sämtliche Projekte von Medair weltweit. Auf der einen Seite stehen Menschen in Not. Auf der anderen diejenigen, die gerne helfen möchten. Das können engagierte Mitarbeitende, aber auch Partnerorganisationen oder Spenderinnen und Spender sein. Zwischen diesen Menschen gibt es eine Brücke, die den Austausch ermöglicht: Medair.